Mittwoch, 19. Oktober 2016

Kongressbericht: Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM)

Experten diskutierten neue Entwicklungen in der Mikrobiologie und Krankenhaushygiene
Ulm. Spannende Diskussionen zu aktuellen Themen der mikrobiologischen Forschung und Diagnostik gab es bei der 68. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) e. V. in Ulm. Vom 11. bis 14. September 2016 diskutierten führende nationale und internationale Wissenschaftler und Ärzte beim deutschlandweit größten Fachkongress in diesem Bereich neueste Erkenntnisse aus allen Bereichen der Mikrobiologie, Krankenhaushygiene und Infektionskrankheiten. 

Entsprechend dem vielfältigen wissenschaftlichen Programm präsentierten renommierte Experten und Nachwuchswissenschaftler aktuelle Forschungsergebnisse zur Diagnose, Prophylaxe und Therapie bei Infektionserkrankungen. „Vor allem in zwei aktuellen Themenkomplexen, der Entwicklung und klinischen Testung neuer Impfstoffe und der Diagnostik und dem Management von multiresistenten Keimen in Krankenhäusern, konnten wir die wissenschaftliche Diskussion fördern“, so Kongresspräsident Prof. Dr. med. Steffen Stenger, Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Ulm. 

Tagungsschwerpunkt Krankenhaushygiene

Beim Tagungsschwerpunkt Krankenhaushygiene / multiresistente gramnegative Bakterien ging es um neue Strategien zur Verhinderung der Ausbreitung dieser Erreger in Krankenhäusern. Es wurden kritische Diskussionen über das notwendige Ausmaß von teuren und belastenden Isolierungsmaßnahmen von besiedelten Patienten geführt.. „Bei der Diagnostik von mutliresistenten Keimen wurde insbesondere über Fortschritte in der molekularbiologischen Diagnostik berichtet“, betont Prof. Steffen Stenger. Erste Ergebnisse zu innovativen Therapien wurden anhand von  Erfahrungsberichten über den Einsatz neuer Antibiotika, Antikörper und antimikrobieller Peptide vorgestellt. „Die Entwicklung antimikrobieller Peptide für den therapeutischen Einsatz steht zwar erst am Anfang, stellt aber eine vielversprechende Alternative zu klassischen Antibiotika dar“, so der Tagungspräsident. „ Auch die Therapie mit Bakteriophagen stellt eine - wenn auch umstrittene - Alternative dar , die bei der DGHM Tagung kritisch diskutiert wurde.“

Auf neu entwickelte Konzepten zur Verhinderung der Ausbreitung der multiresistenten Erreger im Krankenhaus und kontroverse Diskussionen zum Stellenwert der Screening Untersuchungen bei Patienten vor der stationären Aufnahme in ein Krankenhaus verwies der Präsident der DGHM Prof. Dr. med. Mathias Herrmann, Münster: „Was in Holland seit Ende der 80er Jahre durchgeführt wird, ist auf die heutige Situation in deutschen Kliniken nicht übertragbar. Es gibt inzwischen jede Menge neue Erkenntnisse, nicht nur beim MRSA-Erreger, da werden doch einige Zahlen geradegerückt und insgesamt sind wir in der Krankenhaushygiene gut aufgestellt!“ 

Tagungsschwerpunkt Entwicklung neuer Impfstoffe

Zum thematischen Schwerpunkt der Entwicklung neuer Impfstoffen wurden Fortschritte beim 
empfohlenen Impfschutz für die verschiedenen Stämme von Meningokokken, Erreger von lebensbedrohlichen Hirnhautentzündungen, vorgestellt. Eine Ansteckung mit Meningokokken bei Kindern und Jugendlichen ist eine zwar seltene, aber gefürchtete Infektion, bei der jeder zehnte Erkrankte stirbt. Die gefährliche bakterielle Infektion  kann so rasant ablaufen, dass sie innerhalb weniger Stunden zum Tod führt. „Die Entwicklung von Impfstoffen, die gegen den häufigen Meningokokken Serotyp B gerichtet sind, stellte über lange Zeit eine kaum lösbare Herausforderung dar. Mittlerweile ist es dank innovativer Grundlagenforschung geglückt, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln, deren in verschiedenen Ländern bereits erfolgreich eingesetzt wird“, so Prof. Dr. Ulrich Vogel, vom Nationalen Referenzzentrum für Meningokokken in Würzburg. 

Über die neuesten Forschungsergebnisse zu dem neuen Impfstoff gegen die bakterielle Hirnhautentzündung berichtete die Italienerin Dr. Mariagrazia Pizza als eine der Pionierin, die maßgeblich an der neuen Impfstoffentwicklung beteiligt war. In England wird seit Ende 2015 einer der Impfstoffe flächendeckend zur Grundimmunisierung von Kleinkindern eingesetzt,  während in Deutschland die Empfehlung des Serogruppe B Impfstoffes derzeit auf Patienten mit einem besonderen gesundheitlichen Risiko einer Meningokokkeninfektion beschränkt ist. 

Aktuelles Thema Infektionen bei Flüchtlingen

Zum aktuellen Thema Infektionen bei Flüchtlingen stellte Dr. med. Martin Priwitzer, Gesundheitsamt Stuttgart, die neuesten Zahlen vor, da die Zuwanderung von Flüchtlingen in der klinischen und diagnostischen Infektiologie im letzten Jahr eine besondere Rolle gespielt hat. Demnach konnten Konzepte einer intensiven Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Gesundheitswesen, klinischen Infektiologen sowie Mikrobiologen und Krankenhaushygienikern entwickelt werden,  um die Zunahme von ansteckenden Erkrankungen wie bakterielle Ruhr, Windpocken und insbesondere der Tuberkulose rasch zu diagnostizieren und durch prophylaktische Maßnahmen eine Ausbreitung der Infektionen zu verhindern.

In den Hauptsymposien stellten international hochrangige Wissenschaftler weitere neue Erkenntnisse zu den Themen Epidemiologie von Durchfallerkrankungen, neu-auftretende Infektionserkrankungen sowie aus der mikrobiologischen Grundlagenforschung vor. Ein weiterer Fokus lag auf dem Bereich Lebensmittelmikrobiologie mit neuen Erkenntnissen zu pathogenen Mikroorganismen in Lebensmitteln, Standardwerten für die mikrobielle Kontamination in Lebensmitteln sowie Aspekten der allgemeinen Nahrungsmittelmikrobiologie und Lebensmittelhygiene. 

Workshops zu den Themen Diagnostische Mikrobiologie, Klinische Mikrobiologie und Infektions-krankheiten, Mikrobielle Pathogenität, Magen-Darm-Infektionen, Sepsis, Infektionsepidemiologie und Bevölkerungsgenetik, Infektionsprävention und Antibiotikaresistenz, Infektionsimmunologie, Mikrobiologische Verfahren und Qualitätsstandards, Nationale Referenzzentren und Beratungslabore sowie Zoonosen waren sehr gut besucht. Neben dem wissenschaftlichen Austausch fanden Diskussionsrunden, Posterpräsentationen und weitere praxisorientierte Workshops mit Fortbildungen aus dem diagnostischen Bereich für niedergelassene Ärzte und Technische Assistenten statt. Die viertägige Tagung wurde von einer fachbezogenen Industrieausstellung begleitet, in der innovative Entwicklung vor allem aus dem Bereich der mikrobiologischen Diagnostik vorgestellt wurden. Insgesamt war die von über 650 Teinehmern besuchte Jahrestagung der DGHM in der Ulmer Donauhalle eine hervorragende Plattfo rm für den wissenschaftlichen Austausch zwischen Experten, Nachwuchswissenschaftlern und der Industrie. Die Resonanz der Teilnehmer über die bestens organisierte tagung war entsprechend positiv. Weitere Informationen unter www.dghm-kongress.de

DGHM Preisverleihungen 2016

Der Hauptpreis der DGHM-Stiftung (5000 EUR) wurde in diesem Jahr an Prof. Dr. rer. nat. Stefan Niemann (Forschungszentrum Borstel) verliehen, einer der weltweit führenden Forscher im Bereich Populationsgenetik von Tuberkulosebakterien.
Mit dem DGHM-Förderpreis 2016 (2500 EUR) wurde Dr. rer. nat. Sascha Brunke ausgezeichnet, der aktuell mikrobielle Nährstoffquellen während der Infektion und die evolutionäre Adaptation von Pathogenen an ihre Wirte erforscht.
Der bioMérieuxDiagnostikpreis (2500 EUR) ging in diesem Jahr an Dr. med. Evgeny A. Idelevich, der die Entwicklung und weitere Optimierung von Methoden zur schnellen Empfindlichkeitstestung und Identifikation der Mikroorganismen untersucht. 
Der Becton Dickinson Forschungspreis (2500 EUR) wurde Dr. med. Axel Hamprecht verliehen. 
dessen Forschungsschwerpunkte auf der Resistenz bei Enterobacteriaceae durch ß-Laktamasen sowie auf den Resistenzmechanismen bei humanpathogenen Pilzen liegen. 

Die DGHM-Promotionspreise gingen an:
1. Dr. med. vet. Katharina Anna Christina Schaufler, die eine Dissertation zum Thema “Functional plasmidanalysis of extended-spectrum beta-lactamase-producing Escherichia coli of sequence types ST131 and ST648”, begann und parallel dazu eine zweite Promotion zum Dr. med. vet. mit dem Thema  “Molecular analysis of ESBL-producing Escherichia coli from different habitats discloses insights into phylogeny, clonal relationships and transmission scenarios”  mit der Bestnote „summa cum laude“  abschloss. 
2. Dr. rer. nat. Jan Naujoks, der im Rahmen seiner Dissertation mit dem Titel: „Typ I und II IFNs modify the proteome of bacterial vacuoles to restrict infections via IRG1“ systematisch die Immunantwort gegen Legionella pneumophila im Pneumonie-Tiermodell untersuchte. 
3. Dr. rer. nat. Sandy Ramona Pernitzsch, die in ihrer Dissertation mit dem Titel: „Funktionelle Charakterisierung von kleinen regulatorischen RNAs (sRNAs) in Helicobacter pylori“ zeigen konnte, dass die RepG sRNA bis zu 40 weitere Gene verschiedenster Funktionen durch die Bindung an G-reiche Sequenzen reguliert.

Die DZIF-Promotionspreise der DGHM wurden überreicht an:
1. Dr. rer. nat. Wiekbe Behrens, die in ihrer Dissertation mit dem Titel: „Characterisation of mechanisms mediating energy taxis of Helicobacter pylori in vitro and in vivo“ zeigen konnte, dass ein beteiligter Energiesensor (TlpD in Helicobacter pylori) mit zahlreichen anderen Proteinen, unter anderem solchen, die am Metabolismus beteiligt sind, interagiert. Ebenfalls konnte sie dynamische intrazelluläre Prozesse in Verbindung mit diesen Interaktionen, intrazellulärer Energiegewinnung und Energiewahrnehmung sichtbar machen und einen möglichen Mechanismus aus Eisen-Schwefelproteine des zentralen Metabolismus hin einengen.
2. Dr. rer. nat Alexander Westermann, der sich in seiner Promotion der Etablierung eines neuen Ansatzes zur parallelen Erfassung von Transkriptomveränderungen in einem bakteriellen Erreger und einer von diesem infizierten eukaryotischen Wirtszelle mittels dualer Sequenzierung widmet. 
Die diesjährige DGHM-Lecture hielt Prof. Dr. Dr. Klaus Aktories (Freiburg) mit dem Titel „Bacterial toxins - How to outsmart the host“. Er wurde für seine international hochangesehen Forschungen geehrt, die zum wesentlichen Verständnis der Wirkweise von bakteriellen Proteintoxine beträgt.

Ausblick “Microbiology and Infection 2017”

Die 69. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) wird  gemeinsam mit der Jahrestagung der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM) als “Microbiology and Infection 2017” vom 5. bis 8. März in Würzburg stattfinden. Kongresspräsidenten sind Prof. Dr. Matthias Frosch, Prof. Dr. Thomas Rudel und Prof. Dr. Jörg Vogel. Weiteres unter www.microbiology-infection.de
Pressekontakt:
Kerstin Aldenhoff

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